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Es warat wegen der Kultur

Wann warst du zuletzt im Theater? Nicht im Kino, nicht auf Netflix, nicht bei einem Instagram-Reel, in dem jemand zuVivaldi tanzt. Ich meine: Wann saßt du zuletzt im Saal, sahst den Vorhang aufgehen und ließt dich zwei Stunden lang von einer Geschichte fesseln, die jemand für dich auf die Bühne brachte? Wenn du jetzt überlegen musst, bist du nicht allein. Mit Manon Soukop, Kulturjournalistin und Gründerin von kultur*knistern, haben wir darüber gesprochen, und dazu diesen Artikel geschrieben.

So präsent wie noch nie

Allein in Wien gibt es rund 80 Theaterhäuser. Dazu Galerien, Museen, Konzerthäuser, freie Bühnen, Off-Spaces in Hinterhöfen. Das Angebot ist gigantisch. Jedoch sinkt die bewusste Wahrnehmung. Das Paradoxe an unserem sogenannten Kulturland ist nicht, dass es zu wenig Kultur gäbe. Das Paradoxe ist, dass sie in der schieren Masse unsichtbar geworden ist.

Früher war ein Theaterbesuch ein Ereignis. Man kaufte sich die Schallplatte, man ging ins Kabarett, man entschied sich bewusst. Heute konkurriert jede Aufführung mit dem gesamten Internet um unsere Aufmerksamkeit.

Bestehende Hürden

Soziale Hemmschwellen wiegen schwerer als jeder Kartenpreis. Wer an die Wiener Staatsoper denkt, sieht wahrscheinlich Abendkleid und Frack, nicht Jeans und Sneakers. Wer noch nie in einer Galerie war, wird nicht einfach so hineingehen, auch wenn die Tür offensteht. Finanzielle und soziale Hürden („Gehöre ich da dazu?“) bleiben bestehen fort.

Studien belegen das auch. Eine SORA-Studie im Auftrag der Stadt Wien hat ergeben, dass neben dem Alter vor allem der Bildungshintergrund darüber entscheidet, wer kulturelle Angebote wahrnimmt. Menschen mit Matura oder Studienabschluss nehmen deutlich häufiger teil als Menschen mit Pflichtschulabschluss. Culture Action Europe spricht in einem ihrer Paper von fehlendem Interesse als Hauptgrund für den Nichtbesucht, dicht gefolgt von Zeitmangel und Geld.

Das ist ein strukturelles Problem. Die Hochkultur hat sich über Jahrzehnte in eine Nische zurückgezogen, in der sich alle, die drinnen sind, wunderbar wohlfühlen. Und alle, die draußen stehen, trauen sich nicht hinein oder wollen es auch gar nicht. Da helfen auch keine kostenlosen Karten.

Sparpaket mit Kulturschaden

Während die Institutionen um Teilhabe kämpfen, dreht die Politik unterdessen an der Budgetschraube. Der Budgetdienst des Parlaments hat im Juni 2025 vorgerechnet: Das Kulturbudget des Bundes sinkt 2026 um 41 Millionen Euro, die allgemeinen Kunst- und Kulturförderungen schrumpfen um weitere 38 Millionen. Die Filmbranche allein soll 22 Millionen verlieren, vor allem durch Einschnitte beim Fördersystem ÖFI+. Der Kulturrat Österreich spricht von einem mittelfristigen Finanzrahmen, der bis 2028 einen Rückgang um 150 Millionen Euro vorsieht.

Wer dabei am härtesten getroffen wird, sind nicht die Bundestheater oder die Bundesmuseen, deren Basisabgeltung gesetzlich verankert ist. Sondern die freie Szene. Jene Künstlerinnen und Künstler, Kulturvereine, Festivals und Initiativen, die auf Ermessensausgaben angewiesen sind. Sie sind rechtlich ungesichert und politisch leicht zu kürzen. Zehn Millionen Euro hat das Kulturministerium der freien Szene bereits 2025 gestrichen. Förderzusagen wurden vielfach nur in Höhe von 50 Prozent der Subventionen des Vorjahres erteilt.

Kahlschlag in der Steiermark

Was auf Bundesebene besorgniserregend ist, hat in der Steiermark bereits dramatische Ausmaße angenommen. Im Februar 2025, zwei Monate nach der blau-schwarzen Regierungsbildung, wurde die Leiterin des Kulturkuratoriums abgesetzt, das Gremium vorzeitig aufgelöst und mit regierungstreuen Personen neu besetzt. Das Kuratorium, zuständig für rund tausend Förderanträge pro Jahr, ist nun ausschließlich mit FPÖ- und ÖVP-nahen Mitgliedern bestückt.

Im Oktober 2025 legte Landeshauptmann Mario Kunasek per Facebook-Video nach: Die ORF-Landesabgabe, zweckgebunden zu 75 Prozent für Kulturförderung, soll ab 2027 abgeschafft werden. Rund 22 Millionen Euro jährlich würden dem steirischen Kulturbudget damit wegbrechen. Einen Plan, wie diese Mittel ersetzt werden sollen, gibt es nicht. Die IG Kultur Steiermark warnt, die Gefahr einer langfristigen Ausdünnung der Kulturlandschaft sei keinesfalls gebannt. Über 9.000 Menschen haben die Initiative „Kulturland retten“ bereits unterzeichnet.

Das steirische FPÖ-Regierungsprogramm formuliert es derweil ganz offen: Kulturkuratorien, die die kulturpolitische Richtung „abseits des politischen Entscheidungsträgers vorgeben“, seien auf beratende Gremien zurückzuführen.

47 Prozent armutsgefährdet

Hinter der abstrakten Budgetdebatte stehen konkrete Menschen. Die Studie zur sozialen Lage der Kunstschaffenden von 2018 ergab, dass 47 Prozent der bildenden Künstlerinnen und Künstler in Österreich armutsgefährdet waren. Das war vor der Covid-Krise. Vor der Energiekrise. Vor der Teuerung. 70 Prozent der befragten Kunstschaffenden übten andere Tätigkeiten aus, weil sie von ihrer Kunst allein nicht leben konnten.

Für viele Berufe im Kulturbereich gibt es keinen Kollektivvertrag, kein Mindestgehalt, keine soziale Absicherung, die den Namen verdient. Die Fair-Pay-Initiative arbeitet seit Jahren an einer Verbesserung, 2022 startete eine Pilotphase auf Bundesebene. Zehn Millionen Euro pro Jahr stehen seitdem für Fair-Pay-Zuschüsse zur Verfügung. Gemessen an der Problemlage ist das besser als nichts, aber weit entfernt von einer Lösung. Die IG Kultur sagt dazu: „Was für 98 Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Österreich selbstverständlich ist, fehlt in Kunst und Kultur bis heute großflächig.“

Was andere besser machen

Dass es auch anders geht, zeigt ein Blick nach London. Dort sind Ticket-Lotterien Alltag: Hamilton-Karten für zehn Pfund, Wicked als Rush-Ticket für unter dreißig. Dazu Matinee-Rabatte, Day Seats am Morgen, Youth-Tickets für unter 25-Jährige. Das System ist darauf ausgelegt, dass jeder eine Chance hat, reinzukommen. In Österreich gibt es vereinzelt Vergünstigungen. Die Staatsoper bietet U27-Karten um 20 Euro, aber ein vergleichbares, flächendeckendes System existiert nicht. Anders ist es bei den Bundesmuseen. Hier ist der Eintritt für Unter-19-Jährige gratis.

Was bleibt

Österreich nennt sich ein Kulturland, aber es behandelt seine Kultur nicht so. Es kürzt bei den Schwächsten, es spart bei den Kreativen und in der Steiermark schafft die Landesregierung die Unabhängigkeit der Kulturgremien ab. Es verspricht faire Bezahlung und stellt zehn Millionen Euro bereit, während die Hälfte der Kulturschaffenden unter der Armutsschwelle lebt. Es baut Mauern um seine Institutionen und wundert sich, dass junge Menschen nicht mehr kommen.


Unser Gespräch mit Manon Soukop, kultur*knistern, ist auch als Podcast zu hören.