Es warat wegen dem Druck auf junge Sportler:innen

Der schwere Leistungsdruck im jungen Profisport

Action, Schweiß, Medaillen? Meist assoziiert man das mit dem Wettkampfsport. Wer Leistungssport ausübt, lebt nicht nur für den Wettkampf. Das Leben junger Sportler*innen besteht aus strategischer Planung: von sport-medizinische Betreuung, über die schulischen Ausbildung, bis hin zum Karriereweg danach. Eine sorgenfreie Kindheit, Jugend und die individuelle Entfaltung bleiben auf der Strecke. 

Ein Einblick in den Alltag 

Montagmorgen, Punkt Sechs Uhr. Unmotivierte Gesichter von Jugendlichen. Unter ihnen ein oder zwei motivierte Erwachsene, die sich meist schon im Wasser befinden. Allesamt angetrieben von den fast drohenden Gebärden des bereits hellwachen Trainers. Nach ungefähr zwei Stunden und rund fünf Kilometern, geht es ab in die heiße Dusche, rein in die Klamotten und kurz unter den Föhn. Dort riecht es nach verbranntem Haar, da sich alle Mädels darunter tummeln, um rechtzeitig in die Schule, Arbeit oder Uni zu gelangen. Weitere fünf Stunden später steht das zweite Wasser-Training und eine Kraft-Session im Gym an. Der Alltag der Jugendlichen: zweimal täglich für rund elf Kilometer ins gechlorte Wasser und danach an Land alles geben.

Konkurrenzkampf als Ergebnis der Leistungsgesellschaft

Leistungssport heißt vor allem eines: Konkurrenz. Junge erfolgreiche Athlet*innen in Österreich entscheiden sich oft für eine duale Karriere, um die Schule mit Hochleistungstraining kombinieren zu können. Nur die Leistungsstärksten kommen weiter und damit steigt der Konkurrenzdruck im Schul-, wie im Sportbereich. Konkurrenzdruck kann dazu führen, dass das Training nur mehr auf die leistungsstärkste Person zu geschnitten wird. So kann ein Nachwuchsmangel entstehen. Ein direktes Problem von zu hohem Leistungsdruck. 

Dazu kommt eine sozio-ökonomische Barriere. Spitzensportler*innen stammen häufig aus einer gehobenen sozialen Schicht. Viele Sportarten, wie Fechten, Reiten oder Rudern, sind teurer und erfordern mehr zeitliche Ressourcen. Wenn Eltern bereits eine erfolgreiche Sportkarriere hingelegt haben, fällt es den Kindern leichter in der Sportwelt Fuß zu fassen. Zudem ist es häufig der Fall, dass Eltern in die Trainer*innenrolle schlüpfen. Im Sportbereich spielgelt sich so die bildungspolitische Frage einer ungleichen, gesellschaftlichen Verteilung wieder. 

Der Weg in den Leistungssport 

Jugendliche starten oft im frühen Schulkindalter ins Training. Sie bleiben meistens, weil der Freund*innenkreis dort ist, oder weil man es kollektiv in einer Liga weiterbringen möchte. Laut Studien zeichnen sich Weltklasseathlet*innen besonders durch intrinsische Motivation, Leidenschaft und Risikobereitschaft aus. Diese Eigenschaften sind bei ihnen ausgeprägter als in der Durchschnittsbevölkerung und werden als vorteilhaft in einer Leistungsgesellschaft wahrgenommen.

Diese Einstellung verstärkt sich durch das Umfeld. Trainer*innen, Eltern und Mitschüler*innen sind ausschlaggebend für die weitere Karriere. In Österreich gibt es Leistungssport-Zentren, etwa das Österreichisches Leistungssport-Zentrum Südstadt (ÖLSZ). Dort können junge Sportler*innen, die die Leistungskriterien erfüllen, vergünstigt Physiotherapie, medizinische und psychologische Betreuung bekommen. Das Institut Leistungssport Austria (LSA) unterstützt die Jugendlichen mit sportmedizinischem und sportwissenschaftlichem Wissen. Beim intensiven Trainingsplan der Jugendlichen erleichtert das angrenzende Internat die schulische Ausbildung. Zusätzlich fördert die österreichische Sporthilfe. In der Saison 23/24 hat sie 304 Athlet*innen mit rund 1,34 Mio. Euro, sowie Stipendien und Angeboten zur beruflichen Begleitung unterstützt.

Das Schicksal der älteren Generation besteht darin, sich entweder für einen Beruf mit Ausbildung abseits des Sportumfelds zu entscheiden oder aktiv für die Karriere als Profi-Sportler*in. Möchte man im Sport bleiben, heißt es schnell eine langfristige Finanzierung zu finden. Private Sponsoren sind eine Möglichkeit, um die Leistungssportkarriere zu sichern. Sportler*innen, die eine entsprechende, sportliche Leistung bringen, können sich als Heeressportler*in bewerben. Die begehrten 450 Plätze sind nach Jahrgängen und Sportarten limitiert. Dieser Karriereweg beinhaltet eine sechsmonatige Grundwehrausbildung mit anschließendem Bereitschaftsdienst. Danach sind die Sportler*innen als sogenannte „Militärperson auf Zeit“ im Einsatz.

Medialer Druck, psychische und finanzielle Belastung  

Was viele Sportfans nicht bedenken: Wie viel Druck sie auf Sportler*innen ausüben und wie viel Arbeit und wie viele Menschen hinter erfolgreichen Sportler*innen stehen. Wenn bekannte Skifahrer*innen oder Fußballer*innen sich verletzen, ist sofort ein Team aus Ärztinnen/Ärzte und Physiotherapeut*innen einsatzbereit. Eine Pressekonferenz steht an. Die PR-Berater*innen sind zur Stelle. Anders ist es bei Randsportarten, wie im Schwimmsport. In Sportarten mit geringem öffentlichem Interesse kann eine Verletzung schnell das Aus der Sportkarriere bedeuten. Die Trainer*innen sind in diesem Sektor kaum hauptberuflich tätig und stehen oft selbst unter dem Druck, erfolgreiche Sportler*innen zu produzieren. Vom neuen Wettkampfanzug bis zu Trainingslagern sind die Kosten von dem*der Sportler*in größtenteils selbst zu tragen. 

Erfolg hat seinen Preis: psychische Erkrankungen, Essstörungen, Hormondysbalancen, Schlafprobleme – das alles kann durch das intensive Sportpensum einer Leistungssportler*in häufiger entstehen. Bei Frauen im Leistungssport sind Essprobleme verbreitet, laut Studien sind bis zu 45% von diesem Krankheitsbild betroffen. Je größer der Druck, desto höher das Risiko an einem Burn-out oder einer Depression zu erkranken. Viele Athlet*innen berichten von ständiger Unruhe und einer drückenden, innerer Erwartungshaltung, die sich nicht abschalten lässt (Q8). Seit 2021 sind diese Themen medial präsenter. Die Spitzenathlet*innen, Simone Biles (Turnen) und Michael Phelps (Schwimmen) brechen das Schweigen und veröffentlichen ihre (Leidens)Geschichten. 

Zudem haben Leistungssportler*innen ein erhöhtes Risiko auch nach der Karriere an Depressionen und Angstzustände zu erkranken. Sportpsycholog*innen können junge Athlet*innen unterstützen, doch das kostet. Ein*e Sportler*in muss die Kosten von rund 100 Euro pro Sitzung selbst zahlen (ausgenommen Kaderathlet*innen). Außerdem ist der Fachbereich mit 277 Psycholog*innen klein, bezogen auf die Jugendlichen, die Hilfe benötigen.

Allerdings kann ein Aufwachsen mit dem Sport auch positive Seiten haben. Junge Leistungssportler*in lernen mit jedem Wettkampf und jeder Niederlage besser mit Stress und Krisen umzugehen. Sie entwickeln eine Resilienz* und stehen Krisen oft positiver gegenüber. Laut einer Studie geben 70% der Sportler*innen an, sehr widerstandsfähig zu sein. Dies ist doppelt so viel, wie die befragten Nicht-Sportler*innen.

Was braucht es für den österreichischen Spitzensport?

Es braucht eine strukturelle Veränderung. Es braucht besser bezahlte Trainer*innen-Stellen, niederschwellige und leistbare medizinische Versorgung, psychologische Unterstützung, sowie Anlaufstellen für eine realistische Karriereplanung.

Ein weiterer unterschätzter Faktor ist die regionale Infrastruktur. Öffentliche Verkehrsmittel und gut erreichbare Sportstätten sind für den Nachwuchssport entscheidend. Ein solcher Ausbau ist ein Win für die Allgemeinheit . 

Regenerationszeiten sind ernst zu nehmen, um chronische Schmerzen zu vermeiden. Durch Schulungen zur Vermeidung von Übertraining für Trainer*innen und Sportler*innen ließe sich das leicht verbessern. Gerade beim chronischen Schmerzen und Leistungsabfall ist psychologische Betreuung wichtig. Sportpsycholog*innen dürfen nicht als “nice to have” gesehen werden. Sie sind/ sollten ein zentraler Bestandteil jedes Spitzensport-Teams sein.

Und die Höhe von Förderungen an eine Vielfalt von Sportarten. Dies sind mögliche Maßnahmen, die das System Sport verbessern und schlussendlich Jugendlichen im Sportumfeld das Leben etwas erleichtern könnten. 

Kurzum: Ohne Förderungen ist es für junge Sportler*innen in zeitaufwendigen Randsportarten wie dem Schwimmen kaum möglich, das Trainingspensum plus eine akademische Ausbildung zu finanzieren. Die mediale Aufmerksamkeit für Randsportarten ist… sagen wir mal gering. Let’s be honest: wer kann die besten drei österreichischen Sportler*innen einer Randsportart aufzählen, in der man nicht selbst aktiv ist? Im Gegensatz dazu sind selbst jedem Sportmuffel die Top-Drei-Skifahrer*innen ein Begriff. Diese Leistungen sollten keinesfalls geschmälert werden, aber wie kann man von Sportler*innen anderer Sportarten alles abverlangen – ohne Trainingsstätten, bezahlte Trainer*innen-Stellen und ein Bildungssystem, das sie fördert, zur Verfügung zu stellen? Klar sind die Leistungen dementsprechend gehemmt und folglich das mediale Interesse von Vornherein geringer. Ein klassisches #Henne-Ei-Problem, denn wir haben eine Bandbreite an verschiedensten Sportarten mit erfolgreichen Sportler*innen. Doch sie sind kaum bekannt und verdienen wenig, trotz hervorragender Leistungen. Kann Österreich durch kleine Budget-Umverteilungen und Systemumstellungen nicht mehr als eine Ski- und Fußball-Nation sein? Und schlussendlich Jugendlichen im Sportumfeld das Leben etwas erleichtern? 
 

Quellenverzeichnis